- Wir trauern um Richard Saage (1941–2026)
- Neu im Archiv: Kanzleiakten Rosenzweig
- Josef Hindels - Dokumentation 2025
- Digitale Plakatrecherche
- Friedrich Austerlitz
- "Wissen ist Macht". Otto Glöckels Bildungsreform
- Nach dem Krieg. Wien 1945-1946
- Der Fall Adler
- Zeitfenster - Kreisky - 50 Jahre Alleinregierung
- 1848 - die vergessene Revolution
Wir trauern um Prof. Dr. Richard Saage
3. April 1941 – 25. August 2026
Ein Nachruf von Wolfgang Maderthaner
Es erscheint mir in der persönlichen historischen Rückschau tatsächlich so, als ob es sich erst vor ganz kurzer Zeit zugetragen hätte: Dass nämlich, an einem Montag um Punkt 9 Uhr morgens, zwei bundesdeutsche Gelehrte an der Tür des Instituts läuten und mir ihre Absicht kundtun, die nächsten Wochen, vielleicht auch länger, zum eher weitgesteckten – und zu diesem Zeitpunkt nachgerade boomenden – Themenkreis Austromarxismus forschen zu wollen. Nun, ich habe in diesen nächsten Tagen und Wochen tatsächlich, mit zugegeben zunehmender und letztlich unumwundener Bewunderung, erfahren, was wissenschaftliche Disziplin und zweckgerichtetes Forschen bedeuten können, und im eigentlichen Sinne wohl auch bedeuten müssen: Tagtäglich, montags bis freitags, die Öffnungszeiten von 9 bis 17 Uhr penibel beachtend, haben sich Walter Euchner (geb. am 31. Oktober 1933 in Stuttgart; gest. am 25. August 2011 in Oldenburg) und Richard Saage mit faszinierender Intensität ihrem Forschungs- und Interessensgegenstand angenähert – und mich nebstbei, als dem eben erst installierten Geschäftsführer und wissenschaftlichen Leiter des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung, enorm auf Trab gehalten. Nach 17 Uhr ging es – wir sind schließlich in Wien – ins Kaffeehaus (in dem Fall in das Hummel in der Josefstädter Straße), wo das empirisch, archivisch Erarbeitete reflektiert, debattiert, kontextualisiert und gelegentlich auch recht kontrovers nachbesprochen wurde. Ich vermag, wie ich meine, nicht einmal in Ansätzen zu ermessen, was alles an politisch-historisch-theoretischem Grundwissen ich mir damals, in sozusagen kompakter Verdichtung, aneignen konnte. Und dieses Damals bezeichnet das Jahr 1984, und seitdem hatte sich eine enge Freundschaft mit Richard und Ingrid Saage entwickelt, eine Freundschaft, die, wie ich mit Stolz vermerken darf, ungebrochen fortbestand.
Richard Saage hat in den politisch turbulenten, von radikalem Aufbruchs- und Widerspruchsgeist geprägten, man möchte beinahe sagen: paradigmatischen Jahren 1965–1972 in Frankfurt/Main studiert und bei Iring Fetscher mit einer Dissertation zur Staats- und Gesellschaftstheorie Immanuel Kants promoviert. Nach Studienaufenthalten in Harvard und der Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent bei Helga Grebing folgt 1981 die Habilitation zur Vertragslehre in der Niederländischen und Englischen Revolution. Saage wird Professor am Seminar für Politikwissenschaft zu Göttingen und unternimmt 1992 einen für seine Persönlichkeit überaus kennzeichnenden wie für sein akademisches Wirken insgesamt entscheidenden Schritt: Als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg wird er konstitutiver und konstruktiver Teil des Neuaufbaus, der Neukonstruktion der Wissens- und Wissenschaftslandschaft im Deutschen Osten.
Richard Saages Oeuvre lässt sich, schon allein aufgrund des schier unglaublichen Umfangs, an dieser Stelle bestenfalls in Ansätzen charakterisieren; es reichte von einer Mitte der 1970er publizierten Einführung in die Faschismustheorien über die 1987 bei Suhrkamp erschienenen Studien zu Arbeiterbewegung, Faschismus und Neokonservativismus bis hin zur Auseinandersetzung mit Demokratietheorien, philosophischer Anthropologie oder der Rezeption der Evolutionstheorie in der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie. In jeder Hinsicht herausragend aber seine umfassende, auf eine Gesamterfassung abzielende – und in dieser ihrer Gesamtheit beinahe unfassbar anmutende – Aufarbeitung utopischen Denkens (und utopischer Denker) seit der Frühen Neuzeit. 1997 erschien eine Bilanz zur Utopieforschung, 2000 das Grundlagenwerk Politische Utopien der Neuzeit und von 2001–2003 die Utopischen Profile in vier Bänden. Eine Gigantenleistung.
Von besonderem Interesse erscheint dabei das diesen Arbeiten grundgelegte methodisch-analytische Verfahren, das sich explizit als historisch und – in markantem Gegensatz zur postmodernen Theoriebildung – gerade eben nicht als konstruktiv angeleitet versteht. Wenn es auch das unbestreitbare Verdienst der postmodernen Theorieproduktion gewesen sein mag, das legitime Auslegungsmonopol, den exklusiven Wahrheitsanspruch bestimmter wissenschaftlicher Verfahren prinzipiell in Frage zu stellen, so sind ihr zugleich doch die Kategorien des Sozialen, von Gesellschaft, Ökonomie, Politik abhanden gekommen, ist sie ihrer Fundierung im Materiellen verlustig gegangen. Dem gegenüber stehen Zugänge, die dem Empirischen, dem Historischen „formative“ Bedeutung zumessen, die soziale, politische und ökonomische Kontexte im engeren Sinne mitreflektieren. Und mehr noch: Zugänge, die von der systematischen Grundannahme ausgehen, dass der Sinngehalt von gesellschaftlichen und politischen Sachverhalten nur dann angemessen erschlossen werden kann, wenn jenes Bezugsgeflecht analysiert wird, dem sie ihren Existenzmodus, ihre Gestalt und ihre spezifische Semantik verdanken.
Eben dies unternahm in geradezu exemplarischer Weise der dem Aufklärungsparadigma verpflichtete Polyhistor Richard Saage. Der „prozessuale“ Charakter, der dynamische Vorgang der geschichtlichen Entstehung ebenso wie die weitere Wirkmächtigkeit von Utopien/Demokratien bestimmten sein Interesse – was wiederum, wie er in seinen Demokratietheorien von 2005 schreibt, einen theoretisch-methodologischen Ansatz bedingt, „in dem normative, formale und empirische Elemente eine untrennbare Synthese eingehen“. Und in eben diesem Kontext hat sich Richard Saage, der bereits Mitte der 1980er Jahre mit bahnbrechenden Studien zu Otto Bauer hervorgetreten ist, in den letzten Jahren wiederum verstärkt diesem „seinem“ Thema zugewandt und biographisch ausgerichtete Studien zu zwei gleichermaßen exzellenten wie gegensätzlichen und bis auf den heutigen Tag heftig umstrittenen Vertretern des Austromarxismus vorgelegt: zu Karl Renner unter dem Titel Der erste Präsident (2016 erschienen) sowie zu Otto Bauer als Grenzgänger zwischen Reform und Revolution. Saage hat dabei einmal mehr seine so souverän gehandhabte Methode demonstriert, soziale Tatbestände in ihrer Korrespondenz zur kulturellen Semantik und kulturelle Praktiken als Artikulation des Sozialen zu untersuchen. Es ist demnach ein historisch-kritisches, politikwissenschaftlich ebenso wie textanalytisch angeleitetes Verfahren – und steht in wahrhaft markantem Gegensatz zu kleinlichen, kleingeistigen, in ihrer Mehrzahl parteipolitisch (und in schlechterem Falle, wenn auch unbewusst, antisemitisch) motivierten Querelen, die die Debatte hierzulande leider nur allzu häufig kennzeichnen.
Zum Abschluss eine ganz persönliche Anmerkung. Ich war 2022/2023 mit einem Buchprojekt beschäftigt, das die gewaltigen sozialrevolutionären Erhebungen im späten zentraleuropäischen Mittelalter zu seinem Thema macht. Und wenn ich mir über den spezifischen Charakter des Chiliasmus, des Millenarismus etwa der Taboriten – also jener böhmischen Gotteskrieger und Urkommunisten, denen es um nichts Geringeres als die Realisierung des Paradieses auf Erden, im Hier und im Jetzt zu tun war –, wenn ich mir darüber mehr als unsicher war, dann begab sich ein kleines Telefonat nach Berlin, und ich erhielt einen Hinweis auf zwei Kapitel seiner Spuren Utopias aus 2015, wo diese durchwegs komplexe Problemstellung bereits hinlänglich debattiert und dargestellt war. Es war diese wie selbstverständlich geübte Kollegialität und Solidarität, diese Bereitschaft auch zum ständigen Diskurs, die Richard Saage in so großem Maße auszeichnete.
Die Geisteswissenschaften verlieren mit Richard Saage einen ihrer Großen.
