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    Zur Genese der VGA-Archivbestände


    Friedrich Adler und die Archive
    der österreichischen Arbeiterbewegung





    Anlässlich des dritten Todestages seines Vaters Victor verbreitete Fritz Adler im November 1921 in der internationalen sozialdemokratischen Presse einen Aufruf:

    Sein Vater sei in einer Zeit höchster politischer Erregung verstorben
    (11. November 1918), die drei Jahre danach seien von einer beinahe ununterbrochenen Reihe höchst kritischer politischer Situationen erfüllt gewesen. Der Moment der relativen Ruhe, der eine auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Nachlasssicherung ermögliche, sei auch jetzt noch nicht gekommen. Dennoch müssten die Vorarbeiten in Angriff genommen werden, damit das überaus wertvolle Material nicht dauernd verloren gehe. Er wende sich daher im Einvernehmen mit dem Parteivorstand der österreichischen Sozialdemokratie an alle Freunde und Bekannten seines Vaters mit der dringenden Bitte, eventuell noch vorhandene Briefe und Manuskripte einzusenden.









    Victor Adler auf dem Totenbett                Victor Adlers Begräbnis

    Die Reaktionen auf diesen Aufruf (u. a. stellte Karl Kautsky Briefe aus seinem Privatarchiv zur Verfügung) übertrafen selbst die hochgesteckten Erwartungen Fritz Adlers und fügten sich mit den bereits vorhandenen Korrespondenzen, Manuskripten und persönlichen Papieren zu einem Nachlassarchiv von außergewöhnlicher Dichte und Qualität.

    1923 wurde Fritz Adler zum Sekretär der Sozialistischen Arbeiter-Internationale bestellt; der Papiernachlass seines Vaters übersiedelte, nebst seinem eigenen Archiv, zunächst für zwei Jahre nach England, um danach mit der SAI nach Zürich zu gelangen. Dem Archiv wurde nach dem Tod Emma Adlers 1935 auch deren Nachlass angegliedert.

      Victor & Emma Adler, ca 1886

    Als 1933 Hitler in Deutschland die Macht übernommen hatte, initiierte Fritz Adler in seiner Funktion als Sekretär der SAI zusammen mit weiteren prominenten Sozialdemokraten eine groß angelegte Rettungsaktion für das akut bedrohte geistige Erbe der europäischen Arbeiterbewegung. Die Aktivitäten zur Sicherstellung der geistigen Substanz des modernen demokratischen Sozialismus mündeten 1935 in die Gründung des Amsterdamer Internationalen Instituts für Sozialgeschichte (IISG). Adler entwickelte ein besonders enges Vertrauensverhältnis zur Bibliothekarin des Instituts, Anna Scheltema, und sorgte zunächst für die Einlagerung seiner eigenen und der Archive der Internationale in Amsterdam. So schnell sich die wesentliche Voraussetzung für die Gründung des IISG – nämlich die Annahme, Holland werde sich, ähnlich wie 1914, aus kriegerischen Auseinandersetzungen heraus halten können – als obsolet erwiesen hatte, so traf die deutsche Besetzung das Institut dennoch nicht unvorbereitet. Rechtzeitig vor Kriegsausbruch waren zentrale Archivmaterialien nach Oxford verbracht oder in Verstecken in Den Haag, Alkmaar oder Amsterdam (hier auf einem Frachtkahn) gelagert worden. Die Adlerschen Archive wurden über die Pariser Filiale des IISG – die unter der Leitung des russischen Sozialdemokraten Boris Nikolaijewski über besonders enge Kontakte mit den österreichischen sozialistischen Emigranten verfügte – in Verstecken im westfranzösischen Amboise untergebracht.

    Fritz Adler war auch in anderer Hinsicht aktiv geworden. Bereits nach dem so genannten Pfriemer-Putsch des Jahres 1931 hatte die österreichische Sozialdemokratie Wertpapierdepots in Zürich angelegt, die Adler treuhändig verwaltete und auf die, verstärkt nach dem kalten Staatsstreich von Dollfuß im März 1933, beträchtliche Geldmittel aus dem Parteivermögen flossen. Adler legte diese ab 1935 in (inflationssicheren) Goldbarren an und transferierte sie, zusammen mit den Aktien des Vorwärts-Verlages, noch vor Ausbruch des Weltkrieges nach London, wo in diversen Depots auch das Alte Parteiarchiv und das politische und organisatorische Archiv des Brünner Auslandsbüros österreichischer Sozialdemokraten (Alös) aus den Jahren 1934-1936 aufbewahrt wurden. Das Alte Parteiarchiv (im Wesentlichen die Parteivorstandsprotokolle 1890-1933 und die Protokolle des sozialdemokratischen Abgeordnetenklubs 1896-1933 sowie weitere, eher zufällig angelagerte Materialien) war 1934 auf heute nicht mehr rekonstruierbaren Wegen nach Brünn, dem Sitz des Alös gelangt und im Dezember 1936 ebenso wie die Geschäftspapiere des Auslandsbüros an Fritz Adler zur sicheren Aufbewahrung übermittelt worden.



    Februar 1934, Karl Marx-Hof und das mit Kruckenkreuzen verhängte Denmal der Republik
                                                        
    Der von ständigen Todesahnungen erfüllte, politisch exponierte und nicht zuletzt durch seine jüdische Herkunft gefährdete Adler richtete all diese Konten und Depots auf den Namen der "neutralen" Holländerin Scheltema ein. Als dann die Niederlande von Nazi-Deutschland in einer militärischen Blitzaktion besetzt wurden, ließ die holländische Exilregierung alle ausländischen Konten ihrer im Lande gebliebenen BürgerInnen sperren, um eventuellen Beschlagnahmen durch die Besatzungsmacht vorzubeugen. Damit hatte aber auch der mittlerweile über Paris in die USA emigrierte Adler (und mit ihm das gesamte österreichische sozialdemokratische Exil) keinerlei Zugriffsmöglichkeiten mehr – weder auf die Parteiarchive noch auf die eigens für die Zwecke der Emigration eingerichteten Konten. Dies galt umso mehr, als zu Beginn 1940 der Kontakt mit Scheltema  abreißen sollte.

    Fritz Adler, ca. 1945
    Im April 1946 fuhr Fritz Adler zu dem für ihn ehest möglichen Zeitpunkt nach Europa, um sich vor Ort über das weitere Schicksal der Londoner Depots und der über halb Europa verstreut gewesenen Archivbestände des IISG Klarheit zu verschaffen. Während in London die Dinge offensichtlich nicht zum Besten standen und die unmittelbare Gefahr gegeben war, dass die Depots zu Reparationszwecken beschlagnahmt würden, fand Adler zu seinem eigenen Erstaunen in Amsterdam eine gänzlich andere Situation vor. Wenige Wochen vor seiner Ankunft waren dort an die 100 Kisten aus den Verstecken in Amboise eingetroffen, und der ebenfalls aus den USA nach Europa geeilte Nikolaijewski hatte in Franfurt/Main – wo die Amerikaner alle in ihrer Besatzungszone aufgefundenen Archive zunächst zusammenführten – fünf große Kisten sichergestellt, die Adler seinerzeit in der Pariser IISG-Filiale deponiert hatte. Alle Archive seines Vaters, so schrieb er am 4. Juni 1946 nach New York an Otto Leichter, seien in Amsterdam den Umständen entsprechend gut erhalten eingelangt, ebenso ein Großteil seiner eigenen und der Archive der Internationale. Adler hatte zudem erfahren, dass Anna Scheltema nicht nur überlebt, sondern auch, trotz mehrmaliger Gestapohaft, keinerlei brauchbare Hinweise über den Verbleib der Archive preisgegeben hatte. Nachdem er die USA endgültig verlassen und sich in Zürich angesiedelt hatte, nahm Adler den persönlichen Kontakt mit Scheltema wieder auf; u.a. ersuchte er sie, den Nachlass seines Vaters zum Zweck der Erarbeitung einer Biographie nach Zürich zu überstellen. An der Jahreswende 1948/49 gingen demnach zehn Kisten aus dem Adler-Archiv an Fritz Adlers Züricher Privatadresse. Vier für die unmittelbare Arbeit als weniger wichtig erachtete Kisten verblieben beim Amsterdamer Institut.

    Die Entscheidung, das Alte Parteiarchiv zunächst nach Amsterdam zu überstellen, erklärt sich unmittelbar aus der weltpolitischen Krisensituation des Jahres 1950. Der Kalte Krieg war eskaliert und steuerte seinem Höhepunkt zu; Österreich und insbesondere Wien fanden sich in einer geopolitisch durchaus heiklen Lage. Schon während der Berliner Blockade 1948 und erneut nach dem Ausbruch des Koreakrieges 1950 hatte die SPÖ-Führung Vorbereitungen für eine neuerliche Emigration getroffen. Somit wurde zunächst auch keinerlei Anspruch auf jene unersetzlichen Archivmaterialien gestellt, die den eben zu Ende gegangenen Weltkrieg nur wie durch ein Wunder überstanden hatten und nun keineswegs der russischen Besatzungsmacht in die Hände fallen sollten. Selbst nach deren Abzug sollte es noch drei Jahre dauern, bis auf Betreiben der SPÖ (Adler hatte bereits 1951 sein diesbezügliches Verfügungsrecht an Parteivorsitzenden Schärf abgetreten) 1958 die Bestände des Alten Parteiarchivs zurück nach Wien gelangten.

    Friedrich Adler bei der Einreise nach Österreich, 1952

    Fritz Adler, der der Nachkriegssozialdemokratie überaus reserviert gegenüber stand, hatte sein Testament, in dem er auch über die Nachlässe seiner Eltern verfügte, im Oktober 1953 verfasst. Demnach sollten diese in einem "groesseren, gut gepflegten Archiv sozialistischen Charakters dauernd aufbewahrt" werden, und zwar vorzugsweise in einem gesicherten österreichischen Archiv. Da ein solches bei der "gegenwaertigen unsicheren Weltlage" nicht existiere, sollte der Nachlass Victor und Emma Adlers nach seinem Tod zunächst vom IISG als Leihgabe verwaltet werden und nach zehn Jahren – sofern in dieser Zeit in Österreich kein entsprechendes Institut eingerichtet worden sei – in dessen Besitz übergehen. Für seinen persönlichen Nachlass sollten dieselben Bestimmungen gelten; für den Fall, dass Fritz Adler vor seiner Frau Kathia sterben sollte, wurde dieser das uneingeschränkte Verfügungsrecht über die Nachlässe eingeräumt.

    Die Rückführung des Alten Parteiarchivs nach Wien hatte den Anstoß für die Gründung des VGA am 12. Februar 1959 gegeben. Auf Initiative seines ersten Präsidenten Oskar Helmer war der VGA als eigenständiger, im formaljuristischen Sinn unabhängiger Verein gegründet worden, womit den von Adler testamentarisch festgelegten Bedingungen für die Übergabe der Familienarchive entsprochen worden war. Als Fritz Adler am 2. Jänner 1960 verstarb, entsandte die SPÖ zu den Trauerfeierlichkeiten in Zürich mit Gabriele Proft sowie Marianne und Oscar Pollak drei VGA-Vorstandsmitglieder, die offenbar mit Kathia Adler die Übernahme der dort lagernden Teile des Adler-Archivs vereinbarten. Bereits wenige Monate später wurde das Archiv, angereichert um den persönlichen Nachlass Fritz Adlers, per Diplomatenpost nach Wien überstellt.