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7. November 2008

Bundeskanzleramt der Republik Österreich
Otto Wagner Saal,
Hohenstaufengasse 3,
1010 Wien

7. November 2008: Symposion und Buchpräsentation

Veranstaltung des VGA

1918 - 1920: Der Fall der Imperien
und der Traum einer besseren Welt
Broken Empires and Utopiean Dreams of the New


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Anlässlich der 90-jährigen Wiederkehr der Gründung der Republik Österreich kam die vom VGA in Kooperation mit dem Bundeskanzleramt durchgeführte 
Veranstaltung einer zweifachen Zielsetzung nach: Zum Einen war sie als ein Präsentationsforum für das von Helmut Konrad und Wolfgang Maderthaner beim Verlag Gerold in zwei Bänden herausgegebene Werk „Das Werden der Republik ... der Rest ist Österreich“ gedacht. Zum Zweiten war vorgesehen, das Entstehen der Republik in einem umfassenden Rahmen zu kontextualisieren und – ausgehend vom Ende des Ersten Weltkrieges und vom Zerfall dreier großer Imperien – den Ursprung und die Wirkung konkreter sozialer wie kultureller Utopien, aber auch von totalitärer Machtusurpation zu thematisieren. Das dazu geplante Symposion ging von folgenden Voraussetzungen aus:

1918 zerbrechen mit dem Ende des Ersten Weltkrieges die drei großen europäischen Imperien – das Deutsche Kaiserreich, die Habsburgermonarchie und das zaristische Russland. Diese Tektonik jahrhundertealter Machtarchitekturen und Kräfteverhältnisse setzt ungeheure soziale und politische Energien frei, die sich nicht nur in Revolutionen, Republikgründungen und einer neuen geopolitischen Landkarte Europas materialisieren, sondern auch die Massen für neue Weltanschauungen begeistern. Zugleich ist die Zeitenwende von 1918 auch Geburtsstätte eines neuen intellektuellen und künstlerischen Aufbruchs: Dadaismus, Surrealismus, Kubismus, Neue Sachlichkeit, abstrakte Formensprachen in Literatur, Malerei, Tanz und Theater und der Siegeszug des Kinos. Sie suchen die Vision eines neuen Menschen zu konkretisieren, der die Dekadenz der alten bürgerlichen Welt ebenso überwinden sollte wie die Gräuel des globalen Maschinenkriegs.
Die kapitalistische, industrielle Moderne bedeutete einen radikalen Bruch mit historischen Formationen und Traditionen. Sie ist durch einen permanenten Prozess innerer Widersprüche und Gegenläufigkeiten gekennzeichnet und in den Jahren vor dem Weltkrieg zu einer ersten Reife und Entfaltung gelangt. Neue Bedingungen der Produktion, der Zirkulation und der Konsumption zogen umfassende Erfahrungen der Entfremdung und der Fragmentierung, Krisen kollektiver wie individueller Identitäten nach sich, die im „Stahlgewitter“ des ersten modernen, industrialisierten Massenkriegs in einem bis dahin nicht vorstellbaren Ausmaß potenziert wurden. Die durch diese Erfahrungen erschütterten, entsetzten, traumatisierten Massen werden mit Ende des Krieges daran gehen, althergebrachte Welt- und Gottesordnungen zu stürzen, Jahrhunderte währende Reiche, Dynastien, soziale Ordnungen, Kategorien und Werthaltungen abzuschaffen und neu zu definieren. Nachdem der Krieg die alten sozialen Formationen in einem Akt beispielloser Gewalt zerstört hat, können die Fragmente der Gesellschaft zu einem neuen Ganzen zusammengefügt werden. Die national-demokratischen Revolutionen der Völker Mittel- und Südosteuropas nehmen eine soziale Dimension an, emergente politische Gebilde wie die österreichische Republik sind Ausdruck einer massenhaft legitimierten neuen gesellschaftlichen Dynamik.
Im Schatten des kollektiven europäischen Traumas und inmitten von Krisenjahren einer sich neu formierenden Wirtschaftsordnung kündigen sich jedoch auch andere Entwicklungen an. Die Sehnsucht nach einem neuen Menschen, der besser, gesünder, kräftiger und phantasievoller sein sollte als der alte, kreiert nicht nur Pazifismus, Utopien politisch wie sexuell emanzipierter BürgerInnen und die frenetische Lebenslust der „Roaring Twenties“, sondern auch die Visionen autokratischer Führergesellschaften und totalitär formierter Volkskörper. Die Begeisterungsfähigkeit der von Krieg, Hunger und Not geschundenen Massen bildet sehr bald eine der Grundlagen totalitärer Machtentfaltung und innerhalb von lediglich zwei Jahrzehnten sollten Träume von Freiheit, Gleichheit und sozialer Sicherheit erneut in Albträume von kollektiver Gewalt und Genozid umschlagen.

Referenten:

Prof. Dr. Manfried Rauchensteiner
Die letzten Tage der Menschheit und das Werden der Republik
Karl Kraus wird dieser Tage wohl öfter zitiert werden. Vielleicht nicht, weil das, was er geschrieben hat, so gut in die Zeit passt, sonder deshalb, da es so überhaupt nicht in die Zeit zu passen scheint. Bitterer, ätzender Humor ist es, der in jene hundert „Szenen und Höllen“ der „Letzten Tage der Menschheit“ führt, die Kraus für sein Drama bemühte. Dabei ist sein Drama ein Torso geblieben, denn der Epilog zu den „letzten Tagen“ wurde schon im Sommer 1917 geschrieben.
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Prof. Dr. Hew Strachan
The First World War as a Global War

Prof. Dr. Roger Griffin
The Great War and the Rise of Totalitarian Ideologies
The catastrophe of modernity
In the Spring of 1918 Franz Kafka wrote in his notebooks:
"Wir sind, mit dem irdisch befleckten Auge gesehn, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglückt sind undzwar an einer Stelle wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, daß der Blick es immerfort suchen muß und immerfort verliert wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind. Rings um uns aber haben wir in der Verwirrung der Sinne oder in der Höchstempfindlichkeit der Sinne lauter
Ungeheuer und ein je nach der Laune und Verwundung des Einzelnen entzückendes oder ermüdendes kaleidoskopisches Spiel. Was soll ich tun? oder Wozu soll ich es tun? sind keine Fragen dieser Gegenden."

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Prof. Dr. Hans Mommsen
Die Krise der parlamentarischen Demokratie im Europa der Zwischenkriegszeit
Eine Analyse des Aufstiegs der faschistischen Bewegungen im Europa zwischen den Kriegen und deren Machteroberung in Italien und Deutschland kann nicht von der Betrachtung der Entwicklung der in den Pariser Vorortsverträgen geschaffenen parlamentarischen Systeme abstrahieren. Im folgenden wird versucht, eine vergleichende Sicht dieser dramatischen Periode von 1919 bis 1939 zu skizzieren, die den Hintergrund für die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges bildet.
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"Das Werden der Ersten Republik
... der Rest is Österreich"

Im Anschluss an das Symposion nahmen die beiden Herausgeber Helmut Konrad und Wolfgang Maderthaner die Präsentation der Publikation
„Das Werden der Ersten Republik ... der Rest ist Österreich“
vor. Der Verlag Carl Gerold’s Sohn und sein Direktor KR Eduard Harant luden zu einem Empfang.