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Das Vorwärts-Haus und seine Geschichte

In den ersten Wahlen nach dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht für Männer war die Sozialdemokratie, die dieses Grundrecht erkämpft hatte, zur stärksten Partei im österreichischen Reichsrat geworden. 1909 wurde eine grundlegende Organisationsreform beschlossen, die die Basis für die Entwicklung zur modernen demokratischen Massenpartei legen sollte.

   Kauf und Umbau des Hauses
   In das Jahr der Organisationsreform
   fiel auch der Entschluss, das Haus
   in der damaligen Wienstraße 89a
   (seit September 1911: Rechte
   Wienzeile 97) anzukaufen und zu
   einem Haus für die Organisation
   von Partei und Gewerkschaft
   umzugestalten.

   Aquarell sig. Fritz Lach, 1910 (Ausschnitt)


Die Liegenschaft schien gut geeignet, da sich im Hinterhof bereits ein Druckereigebäude befand. Es hatte dem eben bankrott gegangenen „Wiener Verlag“ gehört, der auf die literarische Wiener Moderne spezialisiert war.

Mit dem Umbau wurde Hubert Gessner beauftragt, ein Absolvent von Otto Wagners elitärer „Schule für Architektur“ und mit Victor Adler befreundet. Zu seinen Werken zählen (bis 1934) das Favoritner Arbeiterheim, die Hammerbrotwerke und mehrere Gemeindebauten, darunter der Lassalle- und der Reumann-Hof. Gessner setzte auf den Kern der in der Wienzeile vorhandenen Bausubstanz ein dreistöckiges Gebäude im Stil der Wagner-Schule.


















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Zur Architektur
Die Fassade ist schlicht, nur leicht gerastert, angereichert durch eine Verkleidung des Erdgeschosses mit roten Kacheln und einen Gitterbalkon im zweiten Stockwerk. Sie geht über in einen gestuften Giebel, dem die mächtige Uhr im Zentrum einen monumentalen Charakter verleiht, ebenso wie die Bekrönung durch einen Metall-Tambour und die Flankierung durch Steinfiguren auf hohen Sockeln. Die von Anton Hanak gestalteten überlebensgroßen, frei in den Himmel ragenden Plastiken „Arbeiter“ und „Arbeiterin“ mit goldenen Fahnenstangen an ihrer Seite – ein Geschenk des Metallarbeiterverbandes – geben der Gestaltung des Hauses einen Zug von Programmarchitektur.

 

 

 







Ein neuer Sitz für Partei und Arbeiter-Zeitung

Bezogen wurde der weitläufige Gebäudekomplex, der einen Hof umschloss, im Juni 1910.

Im Parterre des Vorderhauses befanden sich ein Teil der Administration der „Arbeiter-Zeitung“ sowie die Büros des Parteianwalts und Jakob Reumanns, des späteren ersten sozialdemokratischen Bürgermeisters von Wien.

im 1. Stock waren das Parteisekretariat, das Frauencomité, das Sekretariat der Abgeordnetenfraktion und die Redaktionen der theoretischen Zeitschrift „Kampf“ und der „Arbeiter-Zeitung“ untergebracht. Dort hatte auch die Parteivertretung (d.h. der erweiterte Parteivorstand) ihr Sitzungszimmer. Es ist als einziger Teil der ursprünglichen Innenstruktur des Hauses bis zum heutigen Tag weitgehend unverändert erhalten geblieben. In diesem Stockwerk fanden dicht gedrängt die Büros des Parteisekretärs Skaret, des Kassiers Wilhelm Ellenbogen, von Leopold Winarsky, Karl Seitz, Otto Bauer, Karl Renner, Julius Deutsch, Adelheid Popp und Gabriele Proft Platz.

Der 2. Stock beherbergte die Administration der „Arbeiter-Zeitung“ mit den Büros des Administrators Emmerling und von Victor Adler als Herausgeber.

Im 3. Stock lagen die Räume der Gewerkschaftskommission und der große Sitzungssaal, beherrscht von einer monumentalen Marx-Büste.

  Das Arbeitszimmer
  von Friedrich Austerlitz
  in der Redaktion der
 
Arbeiter-Zeitung







Die eigentlichen Redaktionsräume der „Arbeiter-Zeitung“, mit dem Zimmer des Chefredakteurs Friedrich Austerlitz im Zentrum, befanden sich im 2. Stock des mit dem Vorderhaus direkt verbundenen linken Seitenflügels des neu errichteten Druckereigebäudes. Daran schlossen der 400 Quadratmeter große Setzersaal, die Räume der Redaktionskonferenz und die Bibliothek.

An Parteiorganisationen fanden im Druckereigebäude im 1. Stock noch der Bildungsausschuss unter Robert Danneberg, direkt verbunden mit der Parteizentrale, und die Arbeiterschule im linken Seitenflügel und im Mitteltrakt des 4. Stockes ihre Heimstätte. Speisesaal und weitläufige Sanitärräume unterstrichen ebenso wie die Helligkeit und Hygiene der Arbeitsräume – das Haus verfügte über Ventilation und eine zentrale Staubsaugeanlage – den Charakter als Musterbetrieb, in dem die von der Arbeiterbewegung geforderten Arbeitsbedingungen schon realisiert sein sollten.

  Innenhof und Druckereigebäude

Licht, Luft, Grün – der Mitteltrakt des Druckereigebäudes schloss an einen Gartenhof an – Zweckmäßigkeit und Sauberkeit waren die Schlagworte, mit denen die Arbeiter-Zeitung das neue Haus charakterisierte. Im Dachboden des Vorderhauses wurde das Zeitungsarchiv untergebracht; von Beginn an war ein Raum auch für ein Archiv der Bewegung vorgesehen.

Die Arbeitsräume der Redakteure, so breit wie ein Schreibtisch zunächst, hatten die Anmutung von Klosterzellen. Mit dem Wachstum der Partei und ihrer Organisationen wurden sukzessive benachbarte Gebäude, beginnend mit dem Haus Nr. 95, zugekauft. Zuletzt war in dem Bereich der Wienzeile zwischen Pilgramgasse und Sonnenhofgasse ein regelrechter "sozialdemokratischer Häuserblock" entstanden. Nach dem Ersten Weltkrieg zog zudem die Gewerkschaftskommission in das Gebäude der neu geschaffenen Arbeiterkammer in der Ebendorferstraße, so dass der ganze 3. Stock des Vorwärts-Hauses für die Partei frei wurde.

Nach 1918 wurde die Raumaufteilung geändert. Mit der Ausweitung des Organisationsnetzes der Partei zogen immer mehr Teilorganisationen ein: Republikanischer Schutzbund, Zentralstelle für das Bildungswesen, Jugendorganisationen, dazu die Redaktionen der zentralen Parteiblätter. In der Parteiorganisation im 1. Stock dominierte in der Zwischenkriegszeit Robert Danneberg, der sei 1922 als Zentralsekretär den Apparat dirigierte. Danneberg war so etwas wie der 'Hausherr' des Gebäudes in der Zwischenkriegszeit. 1932 beschäftigten die Sekretariate im Haus 49 Angestellte, dazu kamen 160 Angestellte der Parteiblätter und der Volksbuchhandlung sowie (einschließlich des technischen Personals) 467 Druckerei-Angestellte. In dem Häuserkomplex an der Wienzeile arbeiteten also an die 700 Menschen.












Für die Arbeiter-Zeitung bedeutete der Umzug nicht nur einen Ortswechsel, sondern auch einen technologischen Modernisierungsschub. Im neuen Haus standen Lino-Typen-Setzmaschinen, die den bis dahin üblichen Handsatz ersetzen konnten. Dieser Setzmaschinenpark sollte in weiten Teilen bis zum Ende der Druckerei in der Wienzeile in Betrieb bleiben.

 

„Der Organismus des Baues klappt so großartig, als wäre er um das Manuskript gewachsen. (...) ein Wunderwerk, das immer von neuem entzückt (...) Wann Sie dieses herrliche Haus durchschreiten werden, das doch auch Kraft und Macht ausdrückt“, schrieb Chefredakteur Austerlitz an Victor Adler, der zur Kur in Bad Nauheim weilte, „so wird Sie das frohe Gefühl erfüllen, dass Sie die Partei und uns alle doch hoch und weit gebracht haben.“ Karl Seitz sprach euphorisch von einem „Zeitungspalast“.