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Höhepunkt und Niedergang der Arbeiter-Zeitung


Unter der Chefredaktion Oscar Pollaks hatte die AZ in den ersten Jahren der Zweiten Republik zweifellos den Höhepunkt ihrer politischen Wirksamkeit – und ihrer Auflagezahlen – erreicht.



Dennoch ist es keineswegs paradox, wenn im Rückblick festgehalten wird, dass sich in Pollaks Pressekonzept schon die Ursachen für den Niedergang der AZ finden lassen. Pollak sah das Dilemma, in das insbesondere die sozialistische Presse seit den späten 1950er Jahren zu geraten schien, aber er hatte eigentlich kein Rezept dagegen anzubieten.

Im Jahr 1957 war Adolf Schärf zum Bundespräsidenten gewählt worden; Bruno Pittermann wurde neuer Parteivorsitzender der SPÖ. Ihm wie anderen Spitzenpolitikern, zu denen neben Waldbrunner das sich oft auf gemeinsamen Kurs befindliche Dreigestirn Olah-Kreisky-Slavik zählte, musste Oscar Pollak als zwar verehrungswürdiges Bindeglied zur alten Partei, aber auch als eigenwilliger Störfaktor, der mit seiner Prinzipienreiterei nicht die Flexibilität für neue Wendungen zeigte, erscheinen.

Am 31. Dezember 1961 erschien folgende fettgedruckte Notiz auf der ersten Seite der AZ: Wechsel in der Leitung der AZ. Mit dem heutigen Tag geht die Leitung der Redaktion der Arbeiter-Zeitung an Chefredakteur Franz Kreuzer über. Ich danke allen Mitarbeitern in der Redaktion und allen Freunden in der Sozialistischen Partei, die mir geholfen haben, die Arbeiter-Zeitung so zu erhalten, wie ich sie 1931 übernommen hatte: als eine Zeitung, die Menschen denken lehrt. Als die Zeitung, die sich was traut, die gegen jedes Unrecht kämpft; als das Zentralorgan einer fortschrittsfreudigen sozialistischen Partei. Die Arbeiter-Zeitung ist wie keine andere mit ihren Lesern durch das geistige Band der Gesinnung verbunden. Diese traditionelle Gebundenheit, über die die Gesinnungslosen und die Kommerzseelen spotten, ist ihr unschätzbares Gut. Ich bin überzeugt, dass meine Freunde in der Redaktion und meine Freunde in der Partei alles daransetzen werden, es zu bewahren. (...) Die Arbeiter-Zeitung ist in mehr als siebzig Jahren ihres Bestandes ein Blatt von internationalem Ansehen geworden: ein Ausdruck der öffentlichen Meinung Österreichs, ein Sprachrohr des demokratischen und humanistischen Sozialismus. Möge sie es bleiben. Oscar Pollak

  Bruno Kreisky im Austerlitz Zimmer,
  dem ehemaligen Parteivorstand-
  sitzungssaal








Etwa mehr als fünf Jahre danach wurde Bruno Kreisky zum Parteivorsitzenden gewählt. Noch am Abend des Wahlparteitages fuhr Kreisky von der Stadthalle in den „Vorwärts“. Franz Kreuzer saß in seinem großen Chefredakteurzimmer (in dem auch die Redaktionskonferenzen abgehalten wurden), arbeitete nach seinem Leitartikel noch an einer Glosse für den kommenden Tag, da ging die Tür auf. Herein tritt der neue Parteiobmann, sagt „Guten Abend“ und geht schnurstracks durch das Zimmer in den kleinen Nebenraum, in dem der (nicht mehr anwesende) Otto Fielhauer arbeitete und in dem einst Otto Bauer gesessen war, wenn er seine Leitartikel geschrieben hatte. Zur Erinnerung daran hing dort ein großes Otto-Bauer-Bild in einem dunklen Silberrahmen. Kreisky blieb allein im Raum, stand etwa fünf Minuten vor dem Bild – „er, der immer Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung und Parteiführer werden wollte, aber nie daran dachte, Bundeskanzler zu werden, fühlte sich als Weiterführer von Otto Bauers Werk und erwies ihm seine Reverenz“, interpretiert es Kreuzer – und ließ sich dann vom AZ-Chefredakteur durch die Redaktion und die Setzerei führen.

Mit dem Wahlsieg von 1970 setzt eine Ära sozialdemokratischer Hegemonie ein, in deren Verlauf Kreisky seine Partei mit dem Erreichen der 51%-Marke zu einem historischen Wahltriumph führen konnte.

Zwei Jahre später zieht die Redaktion der AZ endgültig aus der Rechten Wienzeile aus. Das Haus wird ausgeschlachtet, liegt in den letzten Zügen. Die Zwillingsgebäude, die Druckerei und das Haus Nr. 95 werden abgerissen. Auch dem Kernhaus droht ein ähnliches Ende. Zwar sind Teile davon denkmalgeschützt, doch seine Verwendung bleibt unklar. Parteiintern wird beschlossen, dass das Haus erhalten bleiben soll, und langsam kristallisiert sich auch ein neuer Verwendungszweck heraus: ein Haus der Geschichte. Inzwischen dient es als Baubüro bei der Konstruktion des Hotels, das an die Stelle der abgerissenen Bauten tritt.

Im Jänner 1989 wird nach umfangreichen inneren Umbauarbeiten im Zuge der Hundertjahrfeier der österreichischen Sozialdemokratie ein historisches Studien- und Forschungszentrum eröffnet, dessen Kern die Bestände des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung (VGA) bilden. In den Räumen, in denen einst die Geschichte der Partei gemacht wurde, wird sie nun wissenschaftlich erforscht.

Die Arbeiter-Zeitung erscheint am 31. Oktober 1991 zum letzten Mal.