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Zwei Faschismen 1934-1945

Am 8. Februar 1934 morgens riegelt ein Aufgebot von Kriminalbeamten und der Alarmabteilung der Polizei mit Stahlhelm und aufgepflanztem Bajonett die Wienzeile von der Pilgramgasse bis zur Sonnenhofgasse ab und besetzt sämtliche Eingänge des Vorwärts-Hauses. Es folgt eine mehrstündige Hausdurchsuchung. Offizielle Begründung ist Waffensuche – im Parteihaus hatte auch die Leitung des mittlerweile verbotenen Republikanischen Schutzbundes ihren Sitz, und seine Spitzen sind soeben verhaftet worden. Ein Detachement der Sicherheitswache bleibt sogar über Nacht im Haus und zieht erst am folgenden Tag ab, ohne dass die Durchsuchung ein verwertbares Resultat gezeitigt hätte.

Doch nach nur drei Tagen kommt die Polizei wieder. Allerdings bewachen am 12. Februar, als die Nachrichten über den Ausbruch der Kämpfe in Linz schon eingetroffen sind, nur zwei Wachleute den Hauseingang. Der englische Journalist G.E.R. Gedye, Wienkorrespondent der Londoner Times, kommt noch zu Mittag, als in Wien schon die Tramways stehen, unbehelligt in das Parteihaus.

„Die großen Tore waren geschlossen und hinter den Fenstern des Erdgeschosses konnte man besorgte Gesichter sehen. Die beiden Wachleute sahen mich groß an, als ich an das Tor hämmerte, sagten aber nichts. Ich verlangte Oscar Pollak. Nach einigem Hin- und Herreden wurde das Tor gerade so weit aufgemacht, dass ich durchschlüpfen konnte, aber dann sofort wieder mit Riegel und Balken gesichert. Im Gebäude herrschte die Atmosphäre eines schwülen Sommertages mit schwarzen Gewitterwolken und einer Luft, die so mit Elektrizität geladen war, dass man von Sekunde zu Sekunde auf den ersten Blitz und Donnerschlag wartete. Ich eilte an den zehn oder zwölf jungen Schutzbündlern vorüber, stürmte die Stiegen hinauf und durch die verlassenen Gänge zum Zimmer Oscar Pollaks. Er war eben im Begriff, seinen Bürorock abzulegen und eine graugrüne Bluse anzuziehen ... Während er noch sprach, drückte er meine Hände und fuhr dann fort: ‚Sie befinden sich hier in großer Gefahr – wir erwarten jeden Augenblick, dass die Polizei das Haus besetzt. Es ist keine Zeit mehr für Worte, ich muss schauen, dass ich noch durch die Hintertür hinauskomme.’“

Um ½ 12, als die Stromabschaltung das Signal zum Generalstreik geben soll, bleiben auch die Druckermaschinen stehen. Die Belegschaft des „Vorwärts“ ist über die Ereignisse nur gerüchteweise informiert – Symptom der Konfusion, in der die Februarkämpfe beginnen. Am frühen Nachmittag wird das Haus schließlich von Polizei und Heimwehr besetzt.

Die sozialdemokratischen Organisationen, die dort ihren Sitz hatten, werden aufgelöst, ihr Vermögen wird konfisziert. Das Haus wird beschlagnahmt, der Vorwärts-Verlag bleibt allerdings erhalten, um Propaganda für den „Ständestaat“ zu machen. In der austrofaschistischen Zeit werden im Haus in der Druckerei Arbeiterblätter - wie das Kleine Blatt oder der Arbeitersonntag - im Sinne des autoritären Regimes weitergeführt. Beschlagnahmt werden auch die sozialdemokratischen Parteiarchive. Der kommissarische Verwalter Radotic lässt sie zum Einstampfen in eine Papiermühle abtransportieren. Dort werden sie im letzten Moment von Beamten des Staatsarchivs sichergestellt. 1991 sind diese Archive nach fünfzigjährigem Exil ins Haus zurückgekehrt.

Erhalten bleibt im Haus, und das erstaunlicherweise auch über die ganze NS-Zeit, die umfangreiche Bibliothek des Parteisekretariats, letztes Relikt, das an die alte Partei erinnert. Die Druckerei produziert auch nach 1938 alte Titel mit den an neue Zeiten angepassten Inhalten weiter. Während 1934 das Kleine Blatt noch gute zwei Wochen benötigte, um im Sinne der neuen Machthaber neu zu erscheinen, geht das 1938 ganz übergangslos von einem Tag auf den anderen. Die Rechte Wienzeile wird nun Sitz des KDF, einer NS-Betriebsorganisation, die als Gewerkschafts-Substitut fungiert und diverse Wohlfahrts- und Urlaubsaktivitäten für Betriebsbelegschaften organisiert. Vom Vorwärts-Haus bleibt die physische Hülle – denn seine Seele ist anderswo, im Inlandswiderstand, dessen erste Leitung 1934 ehemalige Redakteure der Arbeiter-Zeitung bilden, in der Emigration, die ab 1938 für viele zum lebensrettenden letzten Ausweg wird.