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In memoriam Siegfried Mattl

Es ist etwas Eigenartiges, etwas Seltsames um diese Stadt. Ihre Besten, so will es scheinen, müssen vor der Zeit gehen. Und wir, die wir zurückbleiben, wir suchen nach Begriffen und Worten, um das Unerklärbare erklärbar, das Unerträgliche zumindest etwas erträglicher zu machen. Man möchte es hinausschreien und bleibt doch nur wortlos, fassungslos angesichts des Unfassbaren. Siegi Mattl, den wir hier und jetzt die traurige Pflicht haben zu verabschieden, Siegi Mattl war ein Großer: ein brillanter Wissenschaftler, ein faszinierender Intellektueller, ein herausragender Mensch und Kollege. Er war dies alles und er war zugleich mehr als das – und alle, die ihn näher kennen durften, werden mir zustimmen, wenn ich sage: Unser Freund Siegi war so etwas wie eine Institution, für sich und aus sich heraus, für seine Lieben, seine Weggefährten, seine Schüler und Studenten.

Wir haben gemeinsam für Walter Euchners im C.H. Beck-Verlag erschienener Klassiker-Sammlung einen Essay über Victor Adler verfasst; das war 1990/91, zu einem Zeitpunkt also, da nicht eben viele Kolleginnen und Kollegen sich mit Themen wie diesen auseinandersetzten. Siegi hat darin die These vertreten, dass die Auflehnung, die Revolte  gegen den ökonomischen Pragmatismus der Väter die Generation eines Adler, eines Sigmund Freud, eines Gustav Mahler in die Hinwendung zum Ästhetischen geführt hat, und dass erst dieses Aufgehen im Ästhetischen ihre spätere analytische Arbeit versteh- und erklärbar macht – die Analyse der Psyche und des Individuellen bei Freud, die Analyse des Kollektiven und des Strategisch-Politischen bei Adler. Mir ist viele Jahre später erst klar geworden, dass Siegi Mattl damit gleichsam auch die Parameter seines eigenen Tuns niedergeschrieben hat, die Maxime seines Handelns, die Signatur eines Lebens. Radikal in seinem Denken wie kaum ein Zweiter, hat er diese Dimensionen in sein Werk, in sein ganzes Dasein integriert, sie zum anleitenden Prinzip eines ganzen Lebens gemacht, in dem er immer, und dies vor allem, Ästhet geblieben ist, nobel, elegant, empathisch in der Hinwendung zu seiner Umwelt. Nicht zufällig ist er so zum großen Historiker, Analytiker und Interpreten des Visuellen geworden, nicht zufällig aber hat er Ausdrucksmöglichkeiten auch in der Musik gesucht. Als ein nicht ganz einfacher runder Geburtstag anstand, haben wir beide uns entschlossen, gemeinsame Erfahrungen aus Jugendzeiten zu reaktivieren und eine Band zusammenzustellen, die den progressiven Rock der 60s und 70s zeitgemäß interpretieren sollte. Siegi, der ja keine musikalische Ausbildung im eigentlichen Sinne hatte, bediente die Leadgitarre mit ganz eigentümlicher Musikalität und einer emotionalen Intelligenz, die uns das eine um das andere Mal nicht aus dem Staunen herauskommen ließ. Er wäre wohl, hätte er diesen Weg gewählt, ein außergewöhnlicher Musiker geworden.

Es ist, alles in allem, eine Bekanntschaft, eine Freundschaft, die beinahe vier Jahrzehnte zurückreicht, in die Zeiten einer Basisgruppe am Geschichte-Institut namens Histl. Diese Basisgruppe versammelte, in höchst unorthodoxer Weise, alles, was sich selbst in irgendeiner Form als revolutionär begriff. Sie hat nebstbei, und da stand Siegi in vorderster Reihe, die Selbstausbildung der Studierenden forciert, das heißt, in Selbstorganisation das zu vermitteln versucht, was uns das offizielle Studium vorenthielt. Von hier aus ging’s ins Berufsleben und an die Realisierung dreier viel beachteter Großausstellungen zur Arbeiterkultur. Der frühe Erfolg, die internationalen Reaktionen und Resonanzen waren durchaus bemerkenswert; und es war Siegi mit seiner wohl einzigartigen Fähigkeit zur kritischen Abstraktion, der den mittlerweile fest zusammengeschweißten Freundeskreis immer wieder auf den Boden zurückholte, die Defizite, Beschränkungen und Mängel, aber auch die Potenziale unserer Unternehmungen aufzeigte. Wo andere an die Grenzen stießen, hat er mit seinem Denken eingesetzt, und wenn wir nachzogen, war er schon wieder ganz woanders. Siegi wurde mehr und mehr zum Übersetzer der Stimmungen und Anmutungen einer sich radikal, und radikal schnell wandelnden Zeit. Das Ganze resultierte in ein beinahe zehn Jahre währendes Forschungsprojekt zur Wiener Moderne, das uns vom Fin de Siècle herauf bis in die 50er und 60er Jahre führte und uns in engen Diskurszusammenhang mit den Größen der international community brachte. Nie werde ich unsere Arbeitstreffen und Seminare in der Wachau oder im Friaul vergessen, voll pulsierender kreativer Energie, voller Schaffensfreude und Lebenslust. Siegi war das Zentrum dieser Energien, ein großer Kommunikator, Anreger und Vermittler.



So, genau so, werde ich ihn, werden wir ihn, in Erinnerung behalten. In diesem Sinne: Adieu, Siegi, und: Thank you for the days. 

Wolfgang Maderthaner