Links Impressum Kontakt

Die glanzvollen Jahre der Arbeiter-Zeitung

Austerlitz, Bauer, Braunthal

(Die Artikel zur Geschichte der Arbeiter-Zeitung basieren auf Auszügen aus:
A. Pelinka / M. Scheuch, 100 Jahre AZ, Wien-Zürich 1989)

Drei Männer prägten mehr als alle anderen jenes Haus, das für sie der zentrale Lebens- und Wirkungsbereich war. Friedrich Austerlitz, während nahezu vier Jahrzehnten unumschränkter Chef der Arbeiter-Zeitung, residierte im zweiten Stock. Julius Braunthal machte seine Bekanntschaft mit dem Elementarereignis Austerlitz auf dem Korridor der AZ-Redaktion, als er einem Gespräch mit Victor Adler zuhörte: „Da erhob sich plötzlich eine Schrecken erregende Stimme, als hätte sich etwas ganz Fürchterliches begeben. Victor Adler, der wohl meine Bestürzung wahrgenommen hatte, bemerkte beschwichtigend: ‚Nur keine Aufregung. Es handelt sich nur um einen Beistrich. Austerlitz setzt nämlich Engel auseinander, dass er einen Beistrich in seinem Artikel falsch gesetzt hat.’“

„Er war ein Phänomen eines Arbeiters“, schrieb Braunthal über Austerlitz. „Er schrieb jeden Tag einen, ja nicht selten zwei große Artikel, redigierte die tägliche Flut politischen Materials, vor allem die Parlamentsberichte, verfasste ein halbes Dutzend politischer Glossen, las und korrigierte die Bürstenabzüge des ganzen politischen Teiles des Blattes und besorgte selbst den Umbruch. Er schrieb mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Die Worte entströmten seinem Gehirn mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der die Feder über das Papier glitt; sie hinterließ in feinen Linien winzige Hieroglyphen, die niemand außer ihm und zwei Setzern zu entziffern vermochte. Einen Leitartikel hatte er in kaum mehr als dreiviertel Stunden geschrieben, einen Parlamentsbericht, der eine Seite des Blattes füllte, in weniger als einer halben Stunde redigiert. Die eigentliche Redaktionsarbeit bewältigte er in drei bis vier Stunden. Aber er verließ die Redaktion selten vor dem Morgengrauen. Er war ein Junggeselle ohne Privatleben, und die Redaktion war seine Welt.“

Das Rennen um die Nachfolge Austerlitz’ machte Oscar Pollak, der – mit der Unterbrechung der beiden Faschismen – zwischen 1931 und 1961 für zwei Jahrzehnte die „Arbeiter-Zeitung“ prägen sollte.




Auch Otto Bauer – führender Theoretiker der Sozialdemokratie in der Zwischenkriegszeit – war für die Redaktion der Arbeiter-Zeitung tätig. Wie Austerlitz bewältigte er ein ungeheures Arbeitspensum.






Otto Leichter
fand bewundernde Worte: „Bauers journalistische Tätigkeit begann erst am Ende eines erschöpfenden Arbeitstages, der etwa folgendermaßen abgelaufen war: Um acht Uhr früh unterrichtete er in der Arbeiterschule Nationalökonomie, dann fuhr er ins Parlament und nahm an der Klubsitzung teil, am Nachmittag sprach er im Nationalrat oder in einem Ausschuss oder verhandelte mit der Regierung, am Abend hielt er einen Vortrag oder besuchte eine Bezirkskonferenz. Um neun Uhr abends oder noch später kam er dann in die Redaktion, wo er oft während der Arbeitsbesprechung ein kaltes Abendessen, das seine Hausgehilfin gebracht hatte, hinunterschlang. Tag für Tag besprach er sich mit Austerlitz und dann mit Oscar Pollak, der in den letzten Jahren vor 1934 Chefredakteur wurde. In der Regel ließ er sich von mir über gewerkschaftliche Ereignisse informieren. Diese waren dann auch sehr oft Gegenstand von Leitartikeln. Oft schrieb er über das Parlament, oder er kam mit einem vor gefassten Plan und schrieb, nachdem er noch die letzte Nummer der ‚Prawda’ in russischer Sprache gelesen hatte, einen Artikel über die Entwicklung in der Sowjetunion oder über internationale Probleme. (...) Bauer schrieb ungefähr eineinhalb Stunden an seinem Artikel, meist mit der Hand, manchmal diktierte er ein druckreifes Manuskript. Dann öffnete er die Tür seines Zimmers, aus dem die Rauchschwaden von vielleicht zwanzig Zigaretten quollen, die er inzwischen geraucht hatte. Nun begann für ihn sozusagen das gesellschaftliche Leben. Er ging zu Austerlitz in dessen Zimmer und sprach mit ihm über Politik, Literatur, über interne Parteifragen und anderes ... Gegen zwölf oder halb ein Uhr nachts erhielt er die Korrekturen seines Artikels; gelegentlich, in kritischen Situationen, zeigte er Austerlitz die eine oder die andere Passage. Danach ließ er sich die deutschen, französischen und englischen Blätter bringen, die er bis etwa zwei Uhr las. Dann war für ihn der Arbeitstag beendet. Um acht Uhr früh begann er wieder.“

Austerlitz, Brauer, Braunthal, das waren Leitfiguren, die das intellektuelle Profil der Sozialdemokratie in der Zwischenkriegszeit zeichneten. Von ihren Leitartikeln, von ihren Reden und Ansprachen, von ihren politischen Auftritten ging jener Glanz aus, der noch heute in der historischen Retrospektive das Bild der untergegangenen alten Partei prägt.